SüdtirolVinschgau

Der unsinnige Pfinz- oder Zusltog

Prads größter Feiertag schlechthin

Der unsinnige Pfinz- oder Zusltog, Prads größter Feiertag schlechthin, birgt manchen Glauben aus vorchristlicher Zeit: Fängt jemand an diesem Tag eine neue Arbeit an, misslingt sie; wer es trotzdem wagt, gehört zu den Verworfenen. Oder, wer sich am Zusltag verletzt, bleibt unheilbar.
Der Brauch selbst beginnt ab Lichtmess mit dem Honterlerennen. 8- bis 14jährige Buben, mitunter auch ausgeschulte Buben, können das Ende der Nachmittagsschule (früher um 15.30 Uhr, heute schon bald nach Mittag) kaum erwarten, um sich gleich danach maskiert und in zerlumpter Kleidung mit Pfannenruaß auf dem Handrücken herumzutreiben. Auch nicht vermummte Jungen und Mädchen begeben sich gruppenweise auf Straßen und Plätze, um nicht allein das Treiben der Schemen zu betrachten, sondern diese durch Zurufe „Honterle – Honterle heedo“ auf sich aufmerksam zu machen bzw. sie für ein Nachlaufen anzulocken. Es endet schließlich damit, dass der Bedrängte rußgeschwärzt aufgibt. Dieser Umtrieb passiert einschließlich dem unsinnigen Pfinztag, an dem während des Umzuges nicht gerußt wird, werktags täglich, mit abruptem Ende zum Aveläuten. Trotz mehrmaliger Verbote, so bereits durch das „Löbl. k.k. Landgericht Glurns“ vom 8. Februar 1836, und später immer wieder durch die Gemeinde, Lehrer, Pfarrherren etc. konnte diese Sitte weder völlig abgestellt noch ausgerottet werden. Im Gegenteil! Es kam sogar vor, dass jene Gendarmen, Gerichtsdiener, Lehrer, Faschisten und Carabinieri, die sich für das Verbot stark machten, ordentlich gerußt wurden. Selbst in unserer nicht mehr traditionsbewussten Zeit hat dieser stets umstrittene Brauch an Sensation und Spannung nichts eingebüßt, ja er wird jetzt in den Nachbardörfern nachgeahmt.

Das Feierabendläuten am Vorabend des Zusltags, so nennt man bei uns den Tag des Schellenrennens am Mittwochnachmittag, wird ebenfalls von nicht verkleideten Teilnehmern am Zuslumzug ausgiebig begangen. Seit 1980 erfährt diese Einstimmung zum Narrenfeiertag durch das zusätzliche Schellenlaufen der Bauernjugend mit Beginn um Mitternacht gewaltigen Zuwachs. So wird wohl der alte Prader Glauben an das Kournaufwöckn durch die Schellen der Zuslen – „je meah Zuslen, desto meah Kourn“ – wachgehalten. Daher endet dieser denkbar wichtige Weckruf schlussendlich erst mit dem Avemarialeitn am Donnerstagabend.
Nun kommen wir zu den Ereignissen am Unsinnigen selbst. Das ganze Dorf ist schon vormittags erfüllt von närrischem Treiben, während die letzten Vorbereitungen für den eigentlichen Umzug getroffen werden. Neueren Datums sind die vormittäglichen Aufmärsche der maskierten Kindergärtler und Schüler, die vormals an den schulfreien Donnerstagen nicht organisiert werden konnten.
Schlag 13 Uhr startet dann der erste traditionelle Aufmarsch vom „Gonderögg“ die Silbergasse hinab zum „Rat“ (Gasthof Stern), von dort hinüber zur Hauptstraße, diese entlang zum Hauptplatz, dem eigentlichen Ziel, das jeweils dreimal umkreist wird. Der Zug selbst der Reihenfolge nach: Vier bis sechs Schimmel ziehen an eine Deichsel gespannt die Orl (Pflugart). Der Fuahrmonn mit Geißel lenkt das Gespann und leitet den Pflug. Es folgt der Sämann, der fortwährend aus seinem Säkorb Sägemehl unter die Zuschauermenge streut, ihm hinterher zieht der Kloanknecht den mit Getroad (Sägemehl als Ersatz) beladenen Ziachkorrn. Nun kommt der Bauer mit Sense, und die Bäuerin trägt den Marendzegger, ihnen folgen Knecht mit Heugabel sowie Diarn und Rechen. Dahinter schlendern Zoch und Pfott einher, immer wieder ausbrechend, um das jeweils andere Geschlecht unter den Zuschauern zu belästigen. Nachdem der Fuhrmann unter heftigem Geißelgeknalle mit der gesamten Schar die dritte Platzumkreisung vollbracht hat, lenkt er sie von der Stelle ab, um über Koatlack zum Ausgangsort zurückzukehren. Abermals beginnt dort unmittelbar darauf mit dem selben Ziel, jedoch in geänderter Formation, der zweite Umzug. Diesmal ist es die eigene Zusl, die als Triebschellträgerin sich in die Mitte der ersten zwei Schimmel einhängt und den Zug anführt. Den Dreien folgen die vier weiteren Schimmel mit der ganzen Zuslhorde. Diese tragen um die Mitte ihres Leibes an einem Ledergut Kuhschellen und halten sich an einem die ganze Gruppe umschließenden Zügelriemen. Es gibt keinen Pflug mehr, auch der Sämann kommt ohne Korb aus. Der Bauer raucht jetzt einen Reggl und die Bäuerin trägt die Rugl, auch die Ehehalten sowie die Geschwister Liederlich treten mit leeren Händen auf. Kurzum, alle Aufmerksamkeit scheint sich auf die nun alles dominierende Zuslschar zu konzentrieren. Außer den urtümlichen Bartmännern, die nicht fehlen sollten, gliedern sich diesmal noch viele andere Gruppierungen und Paare dem Überlieferten an.
Geht das Treiben mit allgemeinen Vorführungen dem Ende zu, verabsäumen es die Zusl nicht, manch einen ins nächste Gasthaus zu zerren, um sich von diesem die Zeche bezahlen zu lassen. Will oder kann jener dies nicht, so wird der Verfolgte zum Rennen aufgefordert. Vermag ihn die Zusl einzuholen, kehren beide erschöpft ins Gasthaus zurück und der Verlierer (nie die Zusl) hat zu bezahlen. Jede Zusl ist bestrebt, soviel wie möglich solche für sie nutzbringende Läufer anzuwerben. Nicht selten lief man das halbe Dorf ab, ja sogar bis auf die Prader Sand. Gute Zuslen gewannen mehrere Liter Wein, der von den Wirten nötigenfalls auf längere Zeit gutgeschrieben wurde.
Mit dem Betläuten sollte jeder Umtrieb am unsinnigen Pfinzta enden, wenn nicht, erfährt man noch am selben Abend von einem Unglück – so glaubt man jedenfalls.

 

@ Tourismusverein Prad am Stilfserjoch

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